Wörter wirken im Alltag erstaunlich beständig. Wer einen Begriff kennt, geht meist selbstverständlich davon aus, dass Menschen vor hundert, fünfhundert oder sogar tausend Jahren damit ungefähr dasselbe gemeint haben. Genau das stimmt jedoch häufig nicht. Manche Wörter haben ihre Bedeutung im Laufe der Zeit nur leicht verschoben, bei anderen ist die ursprüngliche Verwendung heute kaum noch zu erkennen. Ein Ausdruck, der einmal neutral oder sogar positiv besetzt war, kann inzwischen abwertend wirken. Ein anderes Wort bezeichnet heute nur noch einen kleinen Teil dessen, was früher damit gemeint war.
Solche Veränderungen gehören zum normalen Sprachwandel. Wörter werden nicht ausschließlich neu geschaffen oder aus anderen Sprachen übernommen. Auch bereits vorhandene Wörter entwickeln sich weiter. Gesellschaftliche Veränderungen, neue Technologien, kulturelle Einflüsse und veränderte Lebensweisen können dazu führen, dass sich ihre Verwendung verschiebt.
Besonders spannend wird es bei Wörtern, deren heutige Bedeutung so vertraut erscheint, dass ihre Vergangenheit überrascht. Billig bedeutete beispielsweise ursprünglich nicht einfach „preiswert“. Urlaub war nicht automatisch eine Ferienreise. Fahren setzte kein Auto, keinen Zug und überhaupt kein Fahrzeug voraus. Und wer im Mittelalter von einer Frau sprach, verwendete das Wort nicht in derselben allgemeinen Weise wie heute.
Die Frage, welche Wörter heute anders verwendet werden als früher, führt deshalb unmittelbar in die Geschichte der deutschen Sprache. Sie zeigt gleichzeitig, weshalb alte Texte manchmal täuschen können: Selbst wenn jedes einzelne Wort bekannt aussieht, muss der ursprüngliche Satz nicht dasselbe ausgesagt haben, was moderne Leser darin erkennen würden.

Warum sich die Bedeutung von Wörtern überhaupt verändert
Sprache entwickelt sich gemeinsam mit den Menschen, die sie verwenden. Verändert sich die Gesellschaft, verändert sich häufig auch der Wortschatz. Neue Gegenstände benötigen Bezeichnungen, alte Berufe verschwinden, gesellschaftliche Hierarchien verlieren an Gewicht und technische Neuerungen schaffen völlig neue Zusammenhänge für bekannte Begriffe.
Sprachwissenschaftlich wird eine Veränderung dessen, was mit einem Wort bezeichnet oder verbunden wird, als semantischer Wandel beziehungsweise Bedeutungswandel bezeichnet. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache behandelt semantischen Wandel als eigene Ebene des Sprachwandels. Aktuelle Forschungen nutzen dafür unter anderem umfangreiche digitalisierte historische Textbestände, mit denen sich verfolgen lässt, wie Wörter über längere Zeiträume tatsächlich verwendet wurden.
Dabei gibt es verschiedene Entwicklungen. Eine Wortbedeutung kann enger werden, sich ausweiten oder auf einen anderen Bereich übertragen werden. Außerdem kann sich die Bewertung eines Wortes verändern. Ein früher neutraler Ausdruck kann eine negative Färbung bekommen, während ein ehemals negativer Begriff später positiv verwendet wird.
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Gerade diese Veränderungen machen deutlich, dass ein Wörterbuch nicht nur die gegenwärtige Sprache dokumentieren kann. Historische Bedeutungen erzählen ebenso viel über gesellschaftliche Entwicklungen wie die Herkunft eines Wortes.
Billig bedeutete ursprünglich etwas ganz anderes
Eines der anschaulichsten Beispiele ist billig.
Heute wird das Wort zunächst mit einem niedrigen Preis verbunden. Ein billiges Produkt kostet vergleichsweise wenig. Gleichzeitig besitzt billig häufig eine zusätzliche negative Färbung. Von einem „billigen Trick“, einer „billigen Ausrede“ oder einer „billigen Verarbeitung“ zu sprechen, bedeutet nicht unbedingt, dass etwas wenig Geld kostet. Gemeint sein können Minderwertigkeit, Einfallslosigkeit oder geringe Qualität.
Historisch sah das vollkommen anders aus.
Duden führt mittelhochdeutsch billich und althochdeutsch billīh mit Bedeutungen wie recht, angemessen und gemäß an. Als ursprüngliche Vorstellung wird „passend“ beziehungsweise „angemessen“ angegeben.
Ein Überrest dieser alten Bedeutung existiert bis heute in der Wendung „recht und billig“. Damit ist nicht gemeint, dass etwas gerecht und preisgünstig sei. Billig steht hier noch nahe bei seiner älteren Bedeutung von angemessen oder gerecht.
Erst über die Vorstellung eines dem Wert einer Ware angemessenen Preises entwickelte sich die Bedeutung „nicht teuer“. Später kam zusätzlich die negative Verbindung mit geringer Qualität hinzu. Das Duden-Herkunftswörterbuch führt diesen Bedeutungsweg ausdrücklich als Beispiel für Bedeutungswandel an.
Damit hat billig innerhalb seiner Geschichte mehrere Stufen durchlaufen:
| Frühere Verwendung | Spätere Entwicklung | Heutige Verwendung |
|---|---|---|
| angemessen, recht, passend | dem Wert entsprechend | preisgünstig, teilweise auch minderwertig |
Bemerkenswert ist, dass die ältere Bedeutung keineswegs vollständig verschwunden ist. Das Substantiv Billigkeit kann in der Rechtssprache weiterhin Angemessenheit beziehungsweise Gerechtigkeit bezeichnen.

Fahren funktionierte früher auch ohne Fahrzeug
Heute erscheint der Unterschied zwischen gehen und fahren vollkommen selbstverständlich. Wer zu Fuß unterwegs ist, geht. Wer ein Auto, Fahrrad, einen Zug oder ein anderes Verkehrsmittel benutzt, fährt.
Historisch war diese Trennung wesentlich weniger ausgeprägt.
Das Verb fahren geht auf mittelhochdeutsch varn und althochdeutsch faran zurück. Nach der Herkunftsangabe des Duden bezeichnete es ursprünglich jede Art der Fortbewegung.
Deshalb finden sich noch heute sprachliche Spuren einer Zeit, in der fahren wesentlich weiter gefasst war. Auch das englische fare und verwandte germanische Formen erinnern an diesen älteren Bedeutungsbereich.
Im heutigen Standarddeutsch hat sich die Bedeutung dagegen stark verengt. Meist wird ein Verkehrsmittel oder eine Bewegung auf beziehungsweise mit etwas vorausgesetzt.
Sprachwissenschaftlich handelt es sich dabei um eine Bedeutungsverengung: Ein Wort, das ursprünglich einen größeren Bereich bezeichnete, wird später nur noch für einen Teil dieses Bereiches verwendet. Genau fahren nennt das Duden-Herkunftswörterbuch als Beispiel für diesen Vorgang.
Urlaub war zunächst einfach eine Erlaubnis
Kaum ein Wort erzeugt heute so schnell Bilder von Strand, Bergen, Hotel, Ferienwohnung oder freien Tagen wie Urlaub.
Seine ältere Bedeutung hat damit zunächst erstaunlich wenig zu tun.
Das Wort geht auf althochdeutsch und mittelhochdeutsch urloup zurück. Gemeint war zunächst allgemein eine Erlaubnis. In der höfischen Sprache konnte damit insbesondere die Erlaubnis bezeichnet werden, wegzugehen. Ein Ritter erhielt beispielsweise die Erlaubnis, sich zu entfernen.
Daraus entwickelte sich später die Vorstellung einer offiziellen zeitweiligen Freistellung von einem Dienstverhältnis. Erst anschließend wurde Urlaub zur heute vertrauten arbeitsfreien Zeit, die gewöhnlich mit Erholung verbunden wird.
Der Bedeutungsweg lässt sich vereinfacht so darstellen:
| Zeitliche Entwicklung | Bedeutung |
|---|---|
| frühe Sprachstufen | Erlaubnis |
| höfische Verwendung | Erlaubnis wegzugehen |
| spätere Verwendung | zeitweilige Freistellung vom Dienst |
| heute | arbeitsfreie Zeit, häufig zur Erholung |
Das moderne Wort hat also den Gedanken des Erlaubtseins beziehungsweise Freigestelltseins bewahrt, obwohl dieser Zusammenhang im normalen Sprachgebrauch kaum noch wahrgenommen wird.
Frau bezeichnete ursprünglich eine Herrin oder Dame
Das Wort Frau gehört zum elementaren deutschen Wortschatz. Heute bezeichnet es allgemein eine erwachsene weibliche Person und kann außerdem Ehefrau oder eine entsprechende Anrede bezeichnen.
Die ältere Verwendung war enger.
Duden führt als historische Formen mittelhochdeutsch vrouwe und althochdeutsch frouwe an. Die Bedeutung wird mit Herrin beziehungsweise Dame angegeben. Das Wort war die weibliche Entsprechung zu einer älteren Bezeichnung für „Herr“.
In mittelalterlichen gesellschaftlichen Verhältnissen war die Bezeichnung damit stärker an Stand und soziale Stellung gebunden. Nicht jede weibliche Person wurde automatisch in genau derselben Weise als vrouwe bezeichnet, wie heute allgemein von einer Frau gesprochen wird.
Mit gesellschaftlichen Veränderungen weitete sich die Verwendung aus. Das ehemals stärker ständisch geprägte Wort entwickelte sich zur allgemeinen Personenbezeichnung.
Gerade Frau verdeutlicht, wie eng Wortbedeutungen mit gesellschaftlichen Strukturen verbunden sein können. Verliert eine frühere soziale Unterscheidung an Gewicht, kann sich auch das sprachliche System verändern.
Dirne machte eine besonders starke Bedeutungsverschlechterung durch
Noch deutlicher fällt der Wandel beim Wort Dirne aus.
Im heutigen Sprachgebrauch wirkt der Ausdruck veraltet und wird vor allem als Bezeichnung für eine Prostituierte verstanden. Historisch besaß das Wort dagegen eine wesentlich neutralere Bedeutung.
Duden führt mittelhochdeutsch dierne sowie althochdeutsch thiorna an. Die älteren Bedeutungen umfassen Mädchen, Jungfrau und Magd. Auch heute nennt das Wörterbuch „junge Frau“ noch als mundartlich erhaltene Bedeutung. Daneben steht die inzwischen dominierende Bedeutung „Prostituierte“.
Damit zeigt Dirne einen klassischen Fall der Bedeutungsverschlechterung. Ein ursprünglich neutraler Ausdruck erhielt im Laufe seiner Geschichte eine abwertende beziehungsweise gesellschaftlich negativ besetzte Verwendung.
Interessanterweise lebt die ältere Wortfamilie regional weiter. Das norddeutsche Deern bedeutet nach wie vor Mädchen oder junge Frau und geht auf mittelniederdeutsch dērne zurück.
Solche regionalen Formen können daher ältere Sprachzustände bewahren, die in der Standardsprache längst verschwunden sind.
Toll war einmal alles andere als ein Kompliment
„Das war toll“ gehört heute zu den alltäglichsten positiven Bewertungen. Gemeint ist gewöhnlich etwas Großartiges, Schönes oder Beeindruckendes.
Die Herkunft des Wortes weist jedoch in eine vollkommen andere Richtung.
Mittelhochdeutsch tol beziehungsweise dol und althochdeutsch tol bedeuteten nach Duden dumm, töricht, ursprünglich sinngemäß getrübt, umnebelt oder verwirrt.
Noch heute sind ältere Bedeutungen in verwandten Wörtern und historischen Verwendungen erkennbar. Tollwut bezeichnet beispielsweise keineswegs eine besonders großartige Wut. Auch ältere Wendungen mit toll konnten auf Wildheit, Unvernunft oder einen außer Kontrolle geratenen Zustand hinweisen.
Im modernen umgangssprachlichen Deutsch hat sich dagegen eine stark positive Bedeutung etabliert.
Ein Wort mit ehemals deutlich negativer oder problematischer Bedeutung wurde somit zu einem alltäglichen Lob.
Gerade toll zeigt eindrucksvoll, dass sich nicht nur der Gegenstand ändern kann, den ein Wort bezeichnet. Auch die Bewertung, die mit einem Ausdruck verbunden ist, kann sich vollständig verschieben.
Geil hat gleich mehrere Bedeutungsleben
Ein besonders interessantes Beispiel ist geil, weil mehrere alte und neue Bedeutungen nebeneinander existieren.
Heute besitzt das Wort drei deutlich unterscheidbare Bereiche. Es kann sexuelle Erregung bezeichnen, wird in Landwirtschaft und Pflanzenkunde für üppiges beziehungsweise übermäßiges Wachstum verwendet und dient salopp als positive Bewertung im Sinne von großartig oder sehr gut.
Historisch reichen die Bedeutungen jedoch weiter zurück. Duden nennt für mittelhochdeutsch und althochdeutsch unter anderem kraftvoll, üppig, übermütig und lustig und führt die Grundvorstellung auf etwas Gärendes oder Aufschäumendes zurück.
Die moderne positive Verwendung in Sätzen wie „ein geiles Konzert“ wirkt deshalb zwar wie eine relativ junge umgangssprachliche Entwicklung, steht aber in einer Wortgeschichte, in der Vorstellungen von Kraft, Überschwang und Üppigkeit schon lange vorhanden waren.
Gleichzeitig zeigt dieses Beispiel, dass Bedeutungswandel nicht zwangsläufig bedeutet, dass eine alte Bedeutung verschwindet. Mehrere Verwendungen können parallel bestehen.
Der Zusammenhang entscheidet dann darüber, welche Bedeutung gemeint ist.
Leichnam bezeichnete nicht immer ausschließlich einen Toten
Heute ist ein Leichnam eindeutig der leblose Körper eines verstorbenen Menschen. Duden beschreibt das Wort entsprechend als „sterbliche Hülle“ beziehungsweise Leiche.
Historisch war der Bedeutungsbereich anders.
Das ältere Wort hängt mit Bezeichnungen für den Körper beziehungsweise eine körperliche Hülle zusammen. Besonders anschaulich ist die bis heute gebräuchliche Bezeichnung Fronleichnam.
Wer das moderne Verständnis von Leichnam unmittelbar auf Fronleichnam überträgt, könnte den Namen des christlichen Feiertags missverstehen. Historisch konnte Leichnam beziehungsweise die zugrunde liegende Wortbildung den Leib oder Körper bezeichnen, nicht ausschließlich den Körper eines Verstorbenen. Eine Duden-Darstellung zur Sprachgeschichte weist ausdrücklich darauf hin, dass Leichnam früher auch für einen lebendigen Körper verwendet wurde.
Der heutige Gebrauch hat sich somit stark verengt.
Gerade alte Zusammensetzungen können solche verschwundenen Bedeutungen über Jahrhunderte konservieren.

Realisieren bekam eine zusätzliche Bedeutung
Nicht jeder Bedeutungswandel liegt Jahrhunderte zurück.
Auch in der jüngeren deutschen Sprachgeschichte entstehen neue Verwendungen bereits bekannter Wörter. Ein gutes Beispiel ist realisieren.
Traditionell bedeutet das Verb, etwas zu verwirklichen oder umzusetzen. Ein Plan wird realisiert, wenn er tatsächlich ausgeführt wird.
Daneben ist heute eine Verwendung im Sinne von erkennen oder bemerken verbreitet: Jemand realisiert plötzlich, was passiert ist.
Das Duden-Herkunftswörterbuch beschreibt diese Erweiterung ausdrücklich und führt sie auf den Einfluss des englischen Verbs to realise zurück. Die ältere Bedeutung „verwirklichen“ blieb erhalten, während eine zusätzliche Verwendung hinzukam.
Damit liegt eine Bedeutungserweiterung vor.
Das Beispiel zeigt gleichzeitig, dass Sprachkontakt nicht immer neue Wörter hervorbringen muss. Eine andere Sprache kann auch beeinflussen, wie ein bereits vorhandenes deutsches Wort verwendet wird.
Liefern bedeutet längst nicht mehr nur Waren übergeben
Ein ähnlicher jüngerer Wandel lässt sich bei liefern beobachten.
Traditionell verbindet sich das Wort mit dem Überbringen beziehungsweise Aushändigen von Waren oder bestellten Gegenständen. Ein Händler liefert Möbel, ein Paketdienst liefert eine Sendung.
Inzwischen wird liefern jedoch regelmäßig übertragen verwendet. Sportler „liefern“, Künstler „liefern ab“ oder eine angekündigte Leistung wird tatsächlich erbracht.
Duden verweist bei der Beschreibung des modernen Wortschatzes darauf, dass liefern inzwischen auch im Sinn von eine Erwartung erfüllen oder eine angekündigte Leistung tatsächlich erbringen verwendet wird.
Solche Entwicklungen sind besonders interessant, weil sie unmittelbar beobachtbar sind. Während bei mittelalterlichen Bedeutungen historische Handschriften und Wörterbücher benötigt werden, lässt sich moderner Bedeutungswandel anhand großer digitaler Textsammlungen verfolgen.
Wörter verändern sich nicht immer vollständig
Bedeutungswandel ist selten ein sauberer Wechsel nach dem Muster „gestern bedeutete ein Wort A, heute bedeutet es B“.
Häufig bleibt die ältere Verwendung bestehen, während eine neue hinzukommt. Manchmal überlebt eine alte Bedeutung nur noch in einer Redewendung, einer Zusammensetzung oder einer Fachsprache.
Billig zeigt das sehr schön. Die Vorstellung von „angemessen“ steckt weiterhin in „recht und billig“ und in juristischen Verwendungen von Billigkeit.
Bei geil existieren alte pflanzenkundliche und neuere umgangssprachliche Bedeutungen nebeneinander.
Bei toll erinnern Wörter wie Tollwut an frühere Vorstellungen, während toll im Alltag meistens positiv verstanden wird.
Und bei Urlaub ist die ursprüngliche Vorstellung einer Erlaubnis im modernen Sprachgefühl kaum noch wahrnehmbar, obwohl sich die heutige Bedeutung historisch daraus entwickelt hat.
Bedeutungswandel gleicht daher eher einem verzweigten Weg als einem vollständigen Austausch.
Eine Übersicht besonders auffälliger Bedeutungsverschiebungen
Die Unterschiede werden besonders deutlich, wenn ältere und heutige Verwendungen unmittelbar gegenüberstehen.
| Wort | Frühere beziehungsweise ältere Bedeutung | Heute typische Bedeutung |
|---|---|---|
| billig | angemessen, recht, passend | preisgünstig; teilweise minderwertig |
| fahren | sich fortbewegen allgemein | sich meist mit einem Verkehrsmittel fortbewegen |
| Urlaub | Erlaubnis, besonders Erlaubnis wegzugehen | arbeitsfreie Zeit zur Erholung |
| Frau | Herrin, Dame | erwachsene weibliche Person |
| Dirne | Mädchen, junge Frau, Magd | veraltet: Prostituierte |
| toll | dumm, töricht, verwirrt | großartig, sehr gut |
| geil | kraftvoll, üppig, übermütig | sexuell erregt; salopp: großartig; außerdem pflanzenkundlich üppig |
| Leichnam | Körper beziehungsweise Leibeshülle, historisch nicht ausschließlich tot | Körper eines Verstorbenen |
| realisieren | verwirklichen | zusätzlich: erkennen, bemerken |
| liefern | Waren überbringen | zusätzlich: eine erwartete Leistung erbringen |
Die Übersicht zeigt zugleich mehrere unterschiedliche Wege des Bedeutungswandels. Manche Begriffe wurden enger, andere weiter. Einige verbesserten oder verschlechterten ihre Bewertung, andere wurden auf neue Situationen übertragen.
Warum alte Texte dadurch leicht falsch verstanden werden
Historische Texte enthalten nicht ausschließlich unbekannte Wörter. Oft sind gerade die scheinbar bekannten Wörter problematisch.
Steht in einem jahrhundertealten Text ein Begriff, der heute noch verwendet wird, entsteht schnell der Eindruck, seine Bedeutung sei ebenfalls unverändert geblieben. Genau das kann zu Fehlinterpretationen führen.
Ein heutiges Verständnis von billig, Frau oder Leichnam lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres auf mittelalterliche oder frühneuzeitliche Texte übertragen.
Historische Wörterbücher dokumentieren nicht nur Schreibweisen, sondern rekonstruieren frühere Bedeutungen anhand tatsächlicher Belege. Das Zentrum für digitale Lexikographie der deutschen Sprache bündelt dafür wissenschaftliche Ressourcen wie das DWDS, „Wortgeschichte digital“, das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm sowie das Neologismenwörterbuch des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache. Diese Angebote ermöglichen es, Bedeutungsentwicklungen über lange Zeiträume nachzuverfolgen.
Als weiterführende wissenschaftlich orientierte Quelle eignet sich das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache:
Leibniz-Institut für Deutsche Sprache – Lexikographie und Sprachdokumentation
Das Institut arbeitet unter anderem mit korpusgestützten Wörterbüchern und untersucht systematisch Veränderungen im Wortschatz.
Bedeutungswandel findet auch heute statt
Sprachwandel ist kein historisches Phänomen, das irgendwann abgeschlossen wurde.
Auch heute entstehen laufend neue Wortverwendungen. Digitale Kommunikation, soziale Netzwerke, Technik, Popkultur, Wirtschaft und internationale Kontakte beschleunigen die Verbreitung neuer Ausdrucksweisen.
Dabei muss nicht jedes neue Verständnis dauerhaft bestehen bleiben. Manche Verwendungen verschwinden nach wenigen Jahren wieder. Andere etablieren sich zunächst in bestimmten Altersgruppen oder Szenen und gelangen später in die allgemeine Alltagssprache.
Wörterbücher reagieren auf solche Veränderungen nicht dadurch, dass sie Bedeutungen beliebig festlegen. Moderne Lexikographie arbeitet mit großen Textsammlungen und untersucht, wie Wörter tatsächlich verwendet werden. Duden beschreibt beispielsweise die Auswertung umfangreicher digitaler Textbestände, um neue Wörter und auffällig zunehmende Verwendungen zu erkennen.
Das bedeutet: Nicht das Wörterbuch verändert zuerst die Sprache. Es dokumentiert Veränderungen, die sich im Sprachgebrauch bereits zeigen.

Gesellschaftlicher Wandel hinterlässt Spuren im Wortschatz
Wortbedeutungen verändern sich selten vollkommen losgelöst von ihrer Umgebung.
Frau entwickelte sich gemeinsam mit veränderten gesellschaftlichen Strukturen. Urlaub bekam seine moderne Verwendung im Zusammenhang mit Arbeits- und Dienstverhältnissen. Neue Bedeutungen von liefern spiegeln einen stärker leistungsbezogenen und übertragenen Sprachgebrauch wider.
Auch Wörterbücher können deshalb als kulturgeschichtliche Quellen gelesen werden. Duden weist darauf hin, dass Wörter über Jahrzehnte verschwinden, wiederkehren oder neue Bedeutungen erhalten und dadurch gesellschaftliche Entwicklungen sichtbar machen.
Sprache bewahrt Geschichte also nicht ausschließlich durch alte Dokumente. Geschichte steckt teilweise mitten in alltäglichen Wörtern.
Warum frühere Bedeutungen trotzdem weiterleben
Eine alte Bedeutung muss nicht vollständig verschwinden, nur weil sie im normalen Alltag nicht mehr gebräuchlich ist.
Redewendungen sind besonders langlebig. „Recht und billig“ konserviert beispielsweise eine Verwendung von billig, die ansonsten fast verschwunden ist.
Auch Zusammensetzungen können wie sprachliche Zeitkapseln funktionieren. Fronleichnam bewahrt einen älteren Bedeutungsbereich von Leichnam. Regionale Wörter wiederum können Entwicklungen überstehen, die in der Standardsprache längst abgeschlossen sind. Das norddeutsche Deern erinnert beispielsweise an ältere Bedeutungen von Dirne.
Solche Relikte sind für die Sprachgeschichte besonders wertvoll. Sie zeigen, dass Sprache ihre Vergangenheit nicht vollständig löscht. Häufig bleiben kleine Spuren zurück.
Fazit: Wörter tragen ihre Vergangenheit oft unsichtbar mit sich
Die Frage, welche Wörter heute anders verwendet werden als früher, lässt sich mit erstaunlich vielen Beispielen beantworten. Einige davon begegnen täglich, ohne dass ihre Geschichte auffällt.
Billig war einmal etwas Angemessenes und Rechtes. Fahren konnte jede Form der Fortbewegung bezeichnen. Urlaub war eine Erlaubnis. Frau bezeichnete ursprünglich stärker eine Herrin oder Dame. Dirne war ein neutrales Wort für ein Mädchen oder eine junge Frau. Toll entwickelte sich von einer Vorstellung des Verwirrten und Törichten zu einem alltäglichen Lob. Geil trägt gleichzeitig alte Vorstellungen von Kraft und Üppigkeit sowie moderne sexuelle und positive Bedeutungen. Realisieren und liefern zeigen, dass solche Veränderungen keineswegs nur im Mittelalter stattgefunden haben.
Genau darin liegt eine Besonderheit des Bedeutungswandels. Wörter können äußerlich nahezu unverändert bleiben, während sich das, was Menschen mit ihnen verbinden, grundlegend verschiebt.
Wer historische Texte liest, kann deshalb nicht allein von der heutigen Bedeutung ausgehen. Ein bekannt aussehendes Wort ist nicht automatisch ein bekanntes Wort im heutigen Sinn.
Gleichzeitig zeigt diese Entwicklung, dass Sprachwandel weder ungewöhnlich noch eine Erscheinung der Gegenwart ist. Die deutsche Sprache verändert sich seit Jahrhunderten. Frühere Generationen veränderten Bedeutungen ebenso wie heutige Sprecher. Manche neuen Verwendungen verschwanden wieder, andere wurden so selbstverständlich, dass ihre Entstehung inzwischen vergessen ist.
Wörter sind damit kleine sprachliche Archive. Ihre gegenwärtige Bedeutung bildet lediglich den neuesten Abschnitt einer teilweise sehr langen Geschichte.
Und vermutlich werden einige Wörter, die heute völlig selbstverständlich verwendet werden, für Menschen in einigen Jahrhunderten ebenfalls überraschend klingen – nicht unbedingt, weil ihre Schreibweise anders geworden ist, sondern weil sie dann möglicherweise etwas anderes bedeuten als heute.
Was versteht man unter Bedeutungswandel?
Unter Bedeutungswandel versteht die Sprachwissenschaft die Veränderung der Bedeutung oder Verwendung eines Wortes im Laufe der Zeit. Dabei kann die frühere Bedeutung verschwinden, erhalten bleiben oder gemeinsam mit einer neuen Bedeutung weiterbestehen. Semantischer Wandel gehört zu den regulären Entwicklungen natürlicher Sprachen.
Welches deutsche Wort hat seine Bedeutung besonders stark verändert?
Ein besonders auffälliges Beispiel ist Dirne. Das Wort bezeichnete historisch ein Mädchen, eine junge Frau oder eine Magd. Heute wird es im Standarddeutschen veraltet vor allem für eine Prostituierte verwendet. Damit ist nicht nur eine andere Bedeutung entstanden, sondern zugleich eine deutliche Verschlechterung der gesellschaftlichen Bewertung des Wortes.
Bedeutete billig früher wirklich gerecht oder angemessen?
Ja. Die historischen Formen von billig bedeuteten unter anderem recht, angemessen und passend. Die alte Verwendung ist bis heute in Ausdrücken wie „recht und billig“ sowie im juristischen Begriff Billigkeit erhalten. Erst später entwickelte sich daraus die Bedeutung eines niedrigen Preises und zusätzlich die teilweise abwertende Bedeutung „minderwertig“.
Warum bedeutet Urlaub heute etwas anderes als früher?
Urlaub bezeichnete ursprünglich eine Erlaubnis und später insbesondere eine Erlaubnis wegzugehen. Daraus entwickelte sich die zeitweilige Freistellung vom Dienst und schließlich die heutige Vorstellung arbeitsfreier Tage, die häufig der Erholung oder einer Reise dienen.
Bedeutete fahren früher auch gehen?
Das historische Verb hatte einen wesentlich weiteren Bedeutungsbereich als heute und bezeichnete ursprünglich verschiedene Arten der Fortbewegung. Im modernen Deutsch wird fahren dagegen normalerweise mit einem Fahrzeug oder Verkehrsmittel verbunden. Es handelt sich damit um eine Bedeutungsverengung.
Warum bedeutet toll heute etwas Positives?
Historisch bedeutete toll unter anderem dumm, töricht, verwirrt beziehungsweise umnebelt. Im Laufe der Sprachgeschichte entwickelten sich weitere Verwendungen wie wild oder außergewöhnlich. Daraus entstand schließlich auch die heute sehr verbreitete positive umgangssprachliche Bedeutung „großartig“ oder „prächtig“.
Verändern Wörter auch heute noch ihre Bedeutung?
Ja. Bedeutungswandel findet fortlaufend statt. Realisieren wird neben „verwirklichen“ inzwischen auch im Sinne von erkennen oder bemerken verwendet. Bei liefern hat sich zusätzlich zur Warenlieferung eine übertragene Verwendung für das Erbringen einer erwarteten Leistung etabliert. Wörterbücher und sprachwissenschaftliche Institute verfolgen solche Entwicklungen mithilfe großer digitaler Textsammlungen.
Können alte und neue Bedeutungen gleichzeitig verwendet werden?
Ja. Geil ist dafür ein gutes Beispiel. Das Wort kann heute sexuelle Erregung ausdrücken, in der Landwirtschaft üppiges Wachstum beschreiben und umgangssprachlich „großartig“ bedeuten. Unterschiedliche Bedeutungen eines Wortes können lange nebeneinander bestehen; der jeweilige Zusammenhang macht deutlich, welche gemeint ist.
Warum sind alte Wortbedeutungen für historische Texte wichtig?
Weil ein heute bekanntes Wort früher etwas anderes bedeutet haben kann. Wird ausschließlich die moderne Bedeutung zugrunde gelegt, kann ein historischer Satz falsch verstanden werden. Historische Wörterbücher, Textkorpora und etymologische Nachschlagewerke helfen dabei, die für eine bestimmte Epoche belegte Verwendung zu bestimmen.


